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Wenn die KI im Gestern antwortet

Eine Antwort auf den Freie-Presse-Artikel über ChatGPT und den „falschen Bundeskanzler“.

 

Kürzlich erschien in der Freien Presse ein Artikel, in dem die Autorin beschreibt, wie ChatGPT ihr auf die Frage nach dem aktuellen Bundeskanzler mit fester "Stimme" antwortet: Olaf Scholz. Ihr Fazit: Das Vertrauen in KI bekommt Risse, wenn selbst einfache Fragen plötzlich zu komplexen Rätseln werden.Das klingt erstmal nach einer netten Alltagsbeobachtung – ist aber ein Paradebeispiel dafür, warum wir dringend mehr Wissen über Funktionsweisen von KI brauchen. Denn das Problem liegt nicht bei der „verrückten KI“, sondern beim Verständnis dessen, was sie eigentlich tut.


Warum ChatGPT noch Olaf Scholz sagt

Tatsächlich ist seit Mai 2025 Friedrich Merz Bundeskanzler. Dass ChatGPT trotzdem Olaf Scholz nennt, ist kein technischer Aussetzer und auch keine politische Meinung – es ist schlicht eine Folge davon, wie Sprachmodelle funktionieren.

 

ChatGPT antwortet nicht, weil es etwas weiß.

Es antwortet, weil es Wörter schön aneinanderreihen kann. Das System denkt nicht, es schätzt. Es würfelt Wahrscheinlichkeiten, formt daraus ganze Sätze – und klingt dabei so überzeugend, dass man vergisst, dass da keine Wahrheit drin steckt, sondern Statistik. Die KI hat Scholz nicht verwechselt, weil sie trotzig ist, sondern weil ihr sprachliches Gedächtnis voll ist von alten Artikeln, Tweets und Reden, in denen Scholz nun einmal Kanzler war. Das Muster ist noch da, also greift sie zu. So simpel. So menschlich, eigentlich.

 

Selbst mit Internetzugang passiert das: Die KI durchsucht Webseiten, aber sie bewertet die zeitliche Relevanz nicht so wie wir.Ein älterer Artikel, der besser formuliert ist oder mehr Quellen enthält, kann plötzlich als „vertrauenswürdigster“ Text erscheinen – und schwupps, sitzt Scholz im Kanzleramt der KI.

Der Prompt, der nie erwähnt wurde

Was im Freie-Presse-Artikel völlig fehlt, ist die wichtigste Information: Wie genau wurde gefragt?

Die KI antwortet auf das, was sie versteht – nicht auf das, was wir meinen. Ob jemand schreibt „Wer ist aktuell Bundeskanzler?“ oder „Wer ist Bundeskanzler Deutschlands (Stand 2025)?“ – das ist ein Unterschied. Die Maschine liest keine Zwischentöne, sie denkt nicht: „Oh, vielleicht meint sie die Gegenwart, in der sie gerade sitzt.“

Sie denkt gar nicht.

 

Der Prompt ist der Kontext. Und Kontext ist alles.

Ohne den Prompt zu kennen, lässt sich die Antwort der KI nicht seriös bewerten.

Ein Artikel, der das verschweigt, ist ein bisschen wie ein Kochrezept ohne Zutatenliste: spannend, aber am Ende bleibt man hungrig.

Kein KI-Versagen – ein Verständnisproblem

Im Artikel klingt das so, als wäre die Technik unzuverlässig geworden. Aber das stimmt nicht. Sie tut genau das, wofür sie gemacht wurde: Sie generiert Sprache, sie überprüft keine Fakten. Das Missverständnis entsteht, weil wir Maschinen mit menschlichen Erwartungen überfrachten. Wir wollen, dass KI denkt, einordnet, korrigiert – aber sie simuliert nur Plausibilität. Sie klingt selbstsicher, auch wenn sie sich irrt. Das ist keine Schwäche der KI, sondern ein Hinweis darauf, dass wir unsere Medienkompetenz anpassen müssen.

Medienbildung ist kein Nice-to-have

Wenn Journalist:innen KI testen, sollte das Ziel nicht sein, sie beim Stolpern zu erwischen, sondern zu erklären, warum sie stolpert.

Genau hier beginnt digitale Bildung:

  • Verstehen, wie Sprachmodelle trainiert werden.
  • Wissen, dass „aktuell“ für eine Maschine ein dehnbarer Begriff ist.
  • Den Prompt dokumentieren, um die Antwort nachvollziehen zu können.
  • Und erkennen, dass Quellenprüfung nicht durch Algorithmen ersetzt wird.

Gerade Journalist:innen haben hier eine besondere Verantwortung.Denn wer in einer Zeitung schreibt, dass KI „einfach Unsinn erzählt“, ohne den Mechanismus zu erklären, trägt selbst zur Verwirrung bei.

Was bleibt

ChatGPT liegt falsch, weil es im Gestern lebt – nicht, weil es „spinnt“. Und wer darüber schreibt, sollte das erklären, statt nur zu spotten.

Künstliche Intelligenz ist kein Orakel. Sie kann keine Wahrheit kennen, nur Wahrscheinlichkeiten berechnen. Wenn sie also sagt, Olaf Scholz sei Bundeskanzler, dann ist das kein Systemfehler, sondern eine Einladung, sich endlich ernsthaft mit Medienbildung im KI-Zeitalter zu beschäftigen.

Denn Vertrauen entsteht nicht durch blinden Glauben an Technik, sondern durch Wissen darüber, wie sie funktioniert und wie viel der Mensch selbst in der Hand behält, sogar bei einer so einfachen Frage wie: „Wer ist Bundeskanzler?“

 

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe:

Nicht, dass KI Fehler macht – sondern dass wir sie immer noch menschlich lesen,

obwohl sie uns seit Jahren höflich erklärt, dass sie kein Mensch ist.

Quellen

Im Artikel der Freien Presse wird die Studie der Europäischen Rundfunkunion angesprochen dabei wurden:

  • über 3 000 Antworten von KI-Assistenten (u. a. ChatGPT, Microsoft Copilot, Google Gemini, Perplexity) in 14 Sprachen und 18 Ländern untersucht.  
  • 45 % der Antworten wiesen mindestens eine signifikante Unstimmigkeit auf.  
  • 31 % hatten wesentliche Probleme bei der Quellenangabe (Sourcing).  
  • 20 % enthielten gravierende Genauigkeitsfehler — z. B. veraltete Faktenangaben oder falsche Zeitinformationen.  

Die Studie kann hier gelesen werden:

Selbstversuch vom 09.11.25:


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